Das schreiende, weinende, blutende Herz

„Wow, das ist nicht einfach“, „Alle Achtung – ICH koennte das nicht“. Diese Saetze habe ich in den letzten drei Monaten eine gefuehlte Million Mal gehoert. Aus dem Mund von Freunden, Bekannten, Verwandten, Krankenschwestern, Aerzten und Sozialarbeiterinnen. Kurz: Von all denen, die irgendwie mitkriegen, was bei uns daheim so laeuft. Der Satz ist eine absolute Untertreibung. Unser Leben ist gerade verflixt schwierig.

Zur Erinnerung: Meine Schwaegerin ist krebskrank, im Endstadium. Sie kann nicht mehr schlucken und wird ueber eine Sonde , die direkt in den Magen fuehrt, kuenstlich ernaehrt. Sie ist sehr abgemagert, wiegt weniger als meine siebeneinhalbjaehrige Tochter und ist sehr schwach. Da sie alleinstehend ist, lebt sie seit den Feiertagen bei uns. Ihre Tochter ist in einem Heim in einer anderen Stadt. Der Zustand meiner Schwaegerin hat sich in den drei Monaten verschlechtert, recht schleichend zwar, aber sehr deutlich. Sie selber gesteht sich nicht ein, dass sie sterben koennte (bzw wird), sondern kauft laufend Dinge ein „fuer spaeter“…

Der Loewenanteil der Pflege bleibt an mir haengen, da der beste Ehemann von allen an zwei Arbeitsstellen angestellt ist und dazu noch saemtliche Schulausfluege (zwischen 2 und 3 Tage lang, mit Uebernachtung) leitet. Neben der Pflege, die an sich schon recht zeitintensiv ist, kuemmere ich mich um Haus und Kinder sowie um die Katzen und das Kaninchen. Zwar bekomme ich professionelle Unterstuetzung, jedoch hauptsaechlich in Form von „support“, sleo mehr durch Worte als durch Taten. Da ich es mit meinem eingebauten Perfektionismus moeglichst allen recht machen wollte (nein, „gut genug“ ist eben nicht gut genug…), stellte ich oft meine eigenen Beduerfnisse ganz hinten an.

Dies fuehrte dazu, dass ich langsam, aber sicher in eine (Erschoepfungs-)Depression abrutschte. Da einige Personen in meinem Umfeld jedoch die Anzeichen frueh genug bemerkten und ich auch selber so nicht mehr weitermachen wollte (und konnte), nehme ich inzwischen ein niedrig dosiertes Antidepressivum. Es scheint bereits zu wirken, obwohl in de rRegel solche Medikamente mindestens zwei bis drei Wochen eingenommen werden muessen, bis der Patient eine Besserung bemerkt.

Natuerlich hat dieser Ausnahmezustand auch Auswirkungen auf unser Familienleben, besonders auf die Kinder. Meine Tochter ist oft wuetend, trotzig, genervt, frech – sie wuenscht sich ausdruecklich das Leben „von vorher“ zurueck. Mein Sohn ist schweigsamer, in sich gekehrter, drueckt sich vor allem in Zeichnungen aus. Diese kennen momentan nur ein einziges Thema: Ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz, schreiend, weinend, blutend…

Herz 1

Herz 2

Herz 3

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2 Antworten zu Das schreiende, weinende, blutende Herz

  1. Nepumuk schreibt:

    In Gedanken bei Dir!

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