Jom Kippur hier – und dort

Als ich noch in der Schweiz lebte, mochte ich Jom Kippur nicht besonders. Der lange Weg zur Synagoge (ok, ich haette ja auch eine naehere Wohnung suchen koennen), der lange Weg zurueck, am naechsten Tag dasselbe nochmals, und alles ohne zu essen und zu trinken – vorbei an duftenden Baeckereien und belebten Restaurants, in der ganz normalen Hektik des Schweizer Alltags.

Hier in Israel hat sich dieses Gefuehl grundlegend geaendert. Hier liebe ich die feierliche Atmosphaere, die sich fuehlbar ueber Israel ausbreitet. Jom Kippur, der Versoehnungstag, der hoechste  juedische Feiertag ueberhaupt, wird mir einem 25-stuendigen Fasten begangen. Das ganze Land bereitet sich darauf vor, die allermeisten Juden, egal, ob religioes onder nicht, fasten. (Und wer nicht fastet, bemueht sich, dies nicht offensichtlich zu tun. Es wird also nicht gegrillt oder auf der Strasse/in der Oeffentlichkeit gegessen). Langsam kommt der Alltag zum Stillstand. Der Flughafen wird geschlossen, die oeffentlichen Verkehrsmittel stellen den Betrieb ein. Nicht nur das: Kein einziges Auto faehrt waehrend dieser 25 Stunden. Ausgenommen davon sind Polizei, Ambulanz und Feuerwehr, die jedoch auch nur bei Notwendigkeit ausruecken.

Auch bei Radio und Fernsehen herrscht Sendepause. Die Tage zuvor wird schon auf Jom Kippur eingestimmt, mit Gebeten und religioesen Liedern. Dieses Jahr kam dazu, dass sich der Jom-Kippur-Krieg von 1973 zum 40. Mal jaehrte. Da wurde natuerlich viel darueber berichtet, so viel, dass die Hotlines fuer Personen mit Kriegstrauma von Anrufen ueberschwemmt wurden. Bei vielen kamen alte Erinnerungen auf. Der beste Ehemann von allen war damals 13 und erinnert sich, dass ploetzlich an Jom Kippur Autos durch die Strassen fuhren, Sirenen ertoenten.

Am fruehen Nachmittag von Erev Jom Kippur, dem Tag davor, isst man die Arucha mafseket, die letzte Mahlzeit vor dem Fasten. Bei uns besteht sie aus Huhn (Poulet) und Kartoffeln, eventuell Reis, Tomaten-Gurken-Karottensalat und Brot. Wir achten darauf, den ganzen Tag lang schon wirklich genuegend zu trinken, damit der Durst nicht allzu schnell zu stark wird.

Die Erwachsenen sind in der Synagoge (diejenigen, die Jom Kippur betend verbringen), die Strasse gehoert den Kindern und ihren Fahrraedern. Nach Herzenslust wird herumgekurvt, Man trifft Freunde aus der Klasse und faehrt in wechselnden Gruppen. Die Kinder geniessen Jom Kippur wohl am meisten von allen.

Meine Tochter wollte dieses Jahr auch teilweise fasten (Maedchen fasten ab dem Alter von 12, Knaben ab 13 Jahren). Sie hat tatsaechlich nach der Arucha mafseket nichts mehr gegessen bis am anderen Morgen um 10 Uhr. Wasser trank sie, denn hier waren die Temperaturen sehr hoch heuer.

Zum Abschluss von Jom Kippur wird der Schofar geblasen. Dann geht’s nach Hause, wo das Fasten mit einer leichten Mahlzeit gebrochen wird. Spaeter wird dann oft noch „richtig“ gespeist, also fleischig.

Und dann beginnt vielen Gaerten ein emsiges Haemmern und Nageln: Die Sukkot, die Laubhuetten, werden aufgebaut, denn diesen Mittwochabend beginnt das Laubhuettenfest zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten. Auch bei uns steht eine im Garten, und wir freuen uns schon darauf, unsere Mahlzeiten darin einzunehmen (was wiederum viel angenehmer ist als dato in der Schweiz, wo es regelmaessig waehrend Sukkot in Stroemen regnete…)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Feiertage, Israel, Judentum, persoenlich veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ich freue mich auf deinen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s