Varenka und ich

Kennst du Varenka?

Varenka ist eine Frau, die alleine in ihrem kleinen Häuschen in den tiefen Wäldern Russlands lebt. Sie ist arm, hat aber genug zum Leben. Und sie ist tief gläubig.

Varenka 1

Eines Tages kommen Besucher, Flüchtlinge. Sie warnen Varenka vor dem Krieg, der im Westen tobt und wollen sie mitnehmen. Doch Varenka hat Bedenken: „Wer wird die müden Wanderer stärken, wenn ich mit euch komme? Wer nimmt sich der Kinder an, die sich im Wald verirren? Und wer wird sich um die Tiere und Vögel kümmern, wenn der Winter kommt mit Schnee und Eis? Nein, ich muss bleiben. Doch ihr, meine Freunde, beeilt euch und zieht weiter. G-tt möge euch beschützen!“

Die Fremden ziehen weiter – und Varenka hört zum ersten Mal das Donnern der Kanonen. Vorläufig ist es noch weit weg, aber morgen schon könnte es sie erreichen. Was wird dann aus ihr? Varenka betet zu G-tt, er möge eine Mauer um ihr kleines Haus bauen, die sie vor den Soldaten beschützt. Doch am nächsten Morgen steht keine Mauer, alles ist wie immer.

Am nächsten Tag trifft Varenka im Wald beim Reisigsammeln Pjotr, den Ziegenhirten, mit seiner einzigen verbliebenen Ziege. Sie nimmt ihn mit nach Hause, und am Abend beten sie zu zweit um eine Mauer. „Doch G-tt kam nicht, um eine Mauer um Varenkas Haus zu bauen.“

Daraufhin findet Varenka im Wald in einem hohlen Baum einen jungen Mann mit Namen Stjepan. Sein einziger Besitz ist ein Bild und eine weisse Blume in einem Topf. Auch er ist auf der Flucht, und auch ihn nimmt Varenka auf. Am Abend beten die drei zu G-tt, er möge eine Mauer um ihr Haus bauen, damit die Soldaten sie nicht finden. Doch gegen Morgen, als Varenka aus dem Fenster schaut, steht noch immer keine Mauer. „Da ergriff Varenka grosse Angst.“

Am folgenden Tag bäckt Varenka Brot und Kuchen. Plötzlich klopft jemand ans Fenster: Es ist Bodula, ein Mädchen mit einer Taube. Es hat auf der Flucht seine Eltern verloren und ist dem Backgeruch gefolgt. Varenka nimmt die Kleine bei sich auf. Die Kanonen donnern den ganzen Tag. Die kleine Gruppe singt Lieder, was ihnen gegen die immer grösser werdende Angst hilft – „Als sich der Tag neigte und der Mond aufging, brachte die Musik Frieden in ihre Herzen.“

Auch in dieser Nacht beten sie alle um eine Mauer. Allerdings fürchten sie, dass es zu spät ist, „morgen werden die Soldaten hier sein, und wir sind alle verloren.“

„In dieser Nacht war es sehr still. Doch in der stillsten Stunde war ein leiser Ton um Varenkas Haus. Varenka öffnete vorsichtig die Läden und sah, dass Schnee fiel. So dicht war der Schnee schon gefallen, dass er bis zum Fenstersims reichte. Varenka schloss wieder leise den Laden, fiel auf die Knie und dankte G-tt.

Varenka 2

Und noch immer schneite es. Es schneite die ganze lange Nacht, dichter und dichter, und im Morgengrauen war Varenkas kleines Haus vom Schnee verdeckt.“

Am Mittag kommen die Soldaten. Sie kommen näher und näher, im Haus sitzen alle bleich, fast grün vor Angst zusammen und wagen kaum zu atmen – doch die Soldaten ziehen vorbei. „Sie hatten Varenkas kleines Haus nicht gesehen, weil es tief im Schnee versteckt lag. Stjepan, Pjotr, Bodula und Varenka dankten G-tt, dass er sie gerettet hatte.“

Die Soldaten ziehen weiter, der Krieg ist in diesem Teil Russlands zu Ende. Die Belegschaft des kleinen Hauses kann wieder aus dem Haus, denn es ist Frühling. Bodula findet ihre Eltern, Pjotrs Ziege bekommt ein Zicklein, und die weisse Blume vermehrt sich. Stjepan jedoch, der Künstler, malt Bilder, „um die Geschichte der Mauer zu erzählen, die G-tt um Varenkas kleines Haus gebaut hatte.“

Varenka 3

Quelle: VARENKA. Nach einer russischen Legende erzählt und illustriert von Bernadette. Buchclub ExLibris, Zuerich, 1976. ISBN 3 85825 033 3

 

Dieses Buch hat mir seit frühester Kindheit gefallen, und jetzt, im gegenwärtigen Krieg, erhielt es eine ganz neue Bedeutung. Wie Varenka beten auch wir jeden Abend um Schutz für uns alle und unsere Lieben. Und wir erfahren Bewahrung, immer wieder: Der beste Ehemann von allen wurde bei zwei Auffahrunfällen, an denen er nicht Schuld war, nicht verletzt. Und G-tt hat auch um unser Haus eine Mauer gebaut, damit die Splitter der Rakete, die neben uns einschlug, weder uns noch unsere Fenster oder Klimaanlagen oder Gasballons treffen konnte. Wir haben keinen Schaden erlitten, und dafür sind wir unendlich dankbar.

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