Me and Mr. Jones

Schon lange liegt mir Tochterkind in den Ohren: Sie will Ohrringe. Dafür braucht sie jedoch zuerst einmal Ohrlöcher. Die haben wir nämlich entgegen dem landesüblichen Brauch nicht schon als Baby schiessen lassen. Ich halte ja Ohrringe an Babies und Kleinkindern im besten Fall für überflüssig, im schlimmsten Fall für Körperverletzung. Meiner Meinung nach sollte ein Kind selber entscheiden können, ob es Körperschmuck will, der eine Verletzung und Schmerzen zur Bedingung hat. Mal ganz abgesehen vom Infektionsrisiko bei den ganz Kleinen.

Eigentlich wollten wir mit dem Stechen bis zum 12. Geburtstag warten, aber einerseits ist Tochterkind schon so vernünftig und andrerseits fühlte sie sich auch aus anderen Gründen (sie hat kein Handy, dazu ein andermal mehr) manchmal etwas von ihrer Peergroup ausgeschlossen… also gaben wir nach. Es wurde beschlossen, dass Tochterkind ihre heiss ersehnten Ohrlöcher noch vor dem nächsten Zwischenzeugnis bekommt.

Ich erklärte Tochterkind also lang und breit, wie man Ohrlöcher sticht – nicht mit der Pistole, wie früher üblich, sondern im Piercingstudio, mit einer Nadel. Das klingt zwar schlimmer, sei aber wesentlich schonender fürs Gewebe und heile auch schneller und besser ab. So hatte ich mich im Internet schlau gemacht. Hier gibt es ein sehr einleuchtendes Video dazu.

Tochterkind wusste also, dass es mit der Nadel gemacht wird und auch, dass es weh tut. Wie lange und wie fest konnte ihr keiner sagen, da das Schmerzempfinden sehr individuell ist. Sie war mit allem einverstanden – Hauptsache Ohrlöcher.

So weit, so gut. Ich machte also ein Piercingstudio ausfindig, ging vorbei, um mir vor Ort einen Einduck zu machen und sprach auch mit der Piercerin Lital. Sie sagte, mit der Nadel gestochene Löcher heilten wesentlich besser und schneller als mit der Pistole geschossene – da ist also wirklich was dran.

Tochterkind wusste nicht, wann der genaue Zeitpunkt für die Ohrlöcher sein würde, aber sie erinnerte mich täglich gefühlt tausend Mal daran, dass mir bis zum Zwischenzeugnis nur noch 15 Tage blieben… und wann wir nun endlich hingehen und es tun würden… wann?

 

Heute war also der grosse Tag, eigentlich recht überraschend für sie. Ich fuhr mit ihr in unsere Nachbarstadt ins Piercingstudio Mr. Jones (daher der Titel des Beitrags). Dort nahm uns Lital in Empfang, eine junge Piercerin. Sie erklärte Tochterkind alles haargenau und liess ihr Zeit, sich an alles zu gewöhnen. Tochterkind durfte sich Stecker aussuchen und wählte welche mit blauen Glitzersteinen. Dann ging’s zur Sache: Desinfizieren, Stelle bezeichnen, Zange ansetzen, Nadel durch, Nadel raus (Kanüle bleibt drin), Stecker einfädeln, durchziehen, zuschrauben. Tochterkind war sehr tapfer, hielt meine Hand und verzog keine Miene. Dann gab’s einen Schluck Wasser, ein Erdbeerbonbon von Lital und eine kleine Pause, bevor das zweite Loch gestochen wurde.

Tochterkind schwebt auf Wolke sieben!

Aviah Ohr

Ich wollte dann recht spontan ausprobieren, ob die Nadel wirklich weniger schmerzt als die Pistole und liess mir auch ein Piercing setzen. In die Brustwarze.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hast du das echt geglaubt? SOOO verrückt bin ich jetzt doch nicht. Nein, ich liess mir ganz einfach ins rechte Ohr ein zweites Loch stechen. Links habe ich nämlich schon drei, da ist kein Platz mehr. Also rechts noch ein zweites. Fazit: Es tut wirklich viel weniger und vor allem viel weniger lang weh als beim Schiessen.

Anita Ohr

 

Zum Schluss gibt’s hier doch noch den Titelsong: Me and Mr. Jones (gesungen von Amy Winehouse)

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