Ein sanfter Riese

Uns laufen ja öfter mal Katzen zu, in allen Grössen und Farben. Doch was da vor gut zwei Wochen im Garten aufkreuzte, übertraf alles, was wir bisher gesehen hatten:

Eine Riesenkatze! Grau, langhaarig, langbeinig und unheimlich sanft, schmusig und zutraulich. Und riesig. RIESIG! Dagegen sieht unser grösster und kräftigster Kater aus wie ein Schusekätzchen. So eine grosse Katze habe ich noch nie gesehen.

Verwahrlost ist er, etwas verwegen und abenteuerlich, aber lieb. Gutmütig lässt er mich zwei Zecken entfernen. Danach frisst er erst einmal etwas – mager wie er ist. Die Kinder (und ich) hoffen, dass er bleibt!

Natürlich ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende. Am nächsten Tag ist von besagter Katze nichts mehr zu sehen, und wir sind schon traurig über das allzu kurze Gastspiel…

doch…

…am dritten Tag meldet der beste Ehemann von allen, es liege eine sterbende Katze bei uns im Garten. Ich sehe nach – es ist der Graue. Der Riese. Er liegt schlapp auf der Seite, alle Viere von sich gestreckt, doch er atmet. Wurde er angefahren? Hat er etwas falsches gefressen? Was ist los mit ihm? Grosses Mysterium.

Als erstes bette ich ihn in eine Kartonschachtel, damit er es bequem hat und ungestört ist. Danach versuche ich, ihn irgendwie hydriert zu behalten (es ist ja immer noch ziemlich heiss hier), also gibt es Katzen-Aufzuchtnahrung nach dem Rezept unseres Vertrauenstierarztes, und zwar aus der Spritze, denn fressen mag der Riese nicht. Er leckt sich auch gar nicht, was bei Katzen immer ein schlechtes Zeichen ist. Und: Er steht nicht auf. Jedenfalls nicht freiwillig.

So geht es zwei Tage lang. Ich füttere, bürste das verfilzte Fell, bis es einigermassen entwirrt ist, streichle, rede dem Tier gut zu. Ich hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten – die Kinder fragen jeden Morgen als erstes nach der Katze. Und natürlich helfen sie tatkräftig mit, es dem Riesen so angenehm wie möglich zu machen.

Der beste Ehemann von allen meint, der Riese sei wohl alt und lebenssatt, und da ist was dran: Er interessiert sich kaum für seine Umgebung und hat seine gelben Augen meistens halb geschlossen. Ist er hierhergekommen, um zu sterben?

Dann schwillt die rechte Hinterpfote an. Sehr sogar. Der graue Riese hat ohnehin grosse Pfoten, aber die rechte Hinterpfote ist viermal so dick wie die anderen. Das muss unheimlich weh tun! Trotzdem lässt er die Fütterung und das Kämmen widerstandslos über sich ergehen und schnurrt dabei laut (was nicht wirklich viel heisst, denn Katzen schnurren auch unter Schmerz und Stress).

Am Abend steht der Riese auf und schwankt gartenauswärts. Er kommt jedoch nicht weit, denn er ist viel zu schwach für weite Strecken. Wir tragen ihn zu seinem Lager zurück. Der Vorteil des kleinen Ausflugs: Der Abszess an der Pfote – um einen solchen handelt es sich zweifellos – bricht auf, Eiter und Gewebeflüssigkeit treten aus. Das eröffnet mir nun endlich echte Behandlungsmöglichkeiten: Erst einmal drücke ich so viel Sekret wie möglich aus, danach wird mit steriler Kochsalzlösung gespült, die Tasche mit antibiotischer Augensalbe gefüllt und die Pfote verbunden.

verband

Der Riese lässt alles stoisch über sich ergehen. Er frisst nach wie vor nicht selbst, wehrt sich jedoch gar nicht gegen die Zwangsernährung. So kutschieren wir drei weitere Tage lang: Dreimal täglich spüle ich die tiefe Tasche, salbe und verbinde neu. Er hat inzwischen einen Namen: Ich nenne ihn „Müder Krieger“. Am dritten Tag beginnt der Patient – zu unserer aller Freude – wieder zu fressen.

Und dann – ist die Katze weg. Samt Verband, spurlos verschwunden. Wir befürchten schon das Schlimmste und sind entsprechend traurig. Es ist immer schwer, wenn das Schicksal einer Katze unbekannt ist – viel schwerer, als mit dem Tod des Tieres umzugehen.

Doch das Leben steckt voller Überraschungen, denn eines Abends, fast eine Woche später, sitzt eine Katze auf der Strasse und scheint auf mich zu warten, als ich nach Hause komme. Ich schaue genauer hin – es ist Müder Krieger! Er folgt mir nach Hause, frisst, geniesst die Streicheleinheiten und scheint bleiben zu wollen. Die Freude ist riesig!

 

Er ist immer noch da. Er ist keine Katze, sondern ein halber Hund: Er folgt einem auf Schritt und Tritt, möchte gestreichelt werden und wirft sich auf den Rücken, damit man seinen pelzigen Bauch kraulen kann. Dazu schnurrt er aus Leibeskräften. Er hat seine Lieblingsplätzchen im Garten gefunden und kommt mit den anderen Katzen soweit gut klar – er ist sehr distinguiert und kümmert sich nicht wirklich um das Fussvolk.

versteckte-katze

Die Kinder nennen ihn „Wolf“.

 

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Eine Antwort zu Ein sanfter Riese

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