Kein Kamel im Garten

Israel polarisiert stark. Dieses Land lässt keinen kalt. Und: Jeder meint, mitdiskutieren zu  müssen, vor allem in politischen Fragen. Jeder hat auch ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie das Leben in Israel aussieht. Das meiste davon sind Klischees, die wohl zu einer grossen Enttäuschung führten, würde der- oder diejenige je Israel besuchen. Ich liste hier mal einige davon auf; die Reihenfolge ist rein zufällig.

 

  • In Israel herrscht immer Krieg

Falsch. Es gibt Zeiten, in denen Krieg herrscht oder wir uns aus Angst vor Terroranschlägen vorsichtiger durchs Leben bewegen, aber wir sind nicht immer in unseren Schutzräumen oder Bunkern verschanzt. Ein grosser Teil des Lebens findet draussen statt, zumal wir 9 von 12 Monaten schönes Wetter haben. Wir LEBEN hier, inklusive Hochzeiten (immer gross und pompös) und anderen Feiern, wir essen auswärts, flanieren durch die Strassen, tanzen am Strand.

 

  • In Israel hat man ständig Angst

Falsch. Ich fühle mich hier sicherer als in Europa, gerade wegen des vielen Sicherheitspersonals und der Kontrollen. Bei uns wird man kontrolliert, wenn man in den Bahnhof hineingeht. Fährt man zum Flughafen, passiert man schon vor der Abflughalle mindestens zwei Sicherheitsbeamte. Nicht wie zum Beispiel in Zürich, wo man ungehindert und unbehelligt bis zur Passkontrolle vordringen  kann.

 

  • Wallende Gewänder sind Landestracht

Falsch. Es gibt zwar auch hier Individuen, die sich gerne in wallende Stoffe kleiden, aber den Beduinenlook findet man im allgemeinen nicht. Israelis sind eher modebewusst, auch wenn man öfter mal Leute im Trainingsanzug herumschlappen sieht. Kleiderzwang besteht nirgends, nicht mal an den oben erwähnten grossen und pompösen Feiern.

 

  • Alle tragen Sandalen. Immer.

Falsch. Sandalen sind bequem und praktisch, vor allem, wenn es heiss ist. Daher findet man hier vielleicht einen überdurchschnittlich grossen Teil der Bevölkerung mit dieser Fussbekleidung, aber mit „Sandalen“ sind durchaus nicht nur Ledersandalen mit geschnürten Riemchen gemeint. In der Wahl der Schuhe ist der Israeli genauso frei wie in der Wahl der restlichen Kleidung (siehe oben). Aber: Ausnahmen bestätigen die Regel – es gibt auch Israelis, die ganzjährig in Sandalen herumlaufen. Einen davon kenne ich persönlich sehr gut 🙂

 

  • Wasser kommt aus Ziehbrunnen

Falsch. Wir haben in allen Häusern fliessendes kaltes und warmes Wasser.

 

  • Alle Juden sind gläubig

Falsch. Bei den Juden gibt es genau so verschiedene Abstufungen von gläubig bis atheistisch wie in allen anderen Religionen auch. Aber: Viele Juden sind dann doch recht traditionell, und zwar in manchem. Es gibt viele, die auswärts alles essen, daheim aber niemals Fleisch und Milch mischen bzw zusammen einnehmen würden. Oder die zwar nichts gegen eine Freundschaft mit einem/r nichtjüdischen Partner/in einzuwenden haben, zum Heiraten muss es aber dann ein/ Jude/Jüdin sein. Oder die am Freitagabend an Parties gehen – aber erst, nachdem sie im Kreis der Familie das Shabbatmahl eingenommen haben, natürlich mit Kiddush.

 

  • Kamele gehören zum Stadtbild

Falsch. Im Süden mag man hier und da Kamele neben der Strasse sehen, aber nicht in den Städten (vielleicht vom Beduinenmarkt in Beer Sheva mal abgesehen). Israel ist ein moderner Staat mit (zu) vielen Autos und anderen Motorfahrzeugen. Ausserdem sind Kamele teuer und brauchen Platz : Autos sind einfach irgendwie oft praktischer.

 

Die allermeisten Leute glauben weiter, wenn es zwei Staaten für zwei Völker gäbe, würde sich der Nahostkonflikt in Nichts auflösen. Vielleicht schon, aber dazu müsste man ja zwei willige Seiten haben, und genau das fehlt. Um es mit Schiller zu sagen: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

 

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5 Antworten zu Kein Kamel im Garten

  1. David schreibt:

    Gut geschrieben!

  2. faehrtensuche schreibt:

    „Das meiste davon sind Klischees, die wohl zu einer grossen Enttäuschung führten, würde der- oder diejenige je Israel besuchen.“ …
    … Oder zu einer großen Erleichterung, dass es nicht an dem ist!!!
    Eine kleine Anmerkung noch: Kann es sein, dass der Link bei „Einen davon“ nicht stimmt?
    Liebe Grüße!

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