Schule: Lust und Frust

Heute habe ich zwei Nachrichten für dich: Eine gute und eine schlechte.

Die gute zuerst: Meine Tochter ist begeistert von der neuen Schule. Dies, obwohl sie mit dem Bus hin- und zurückfahren muss, obwohl sie in der Klasse gar niemanden kannte, obwohl sie lange Tage hat (oft kommt sie erst nach 16 Uhr heim), obwohl sie viele Hausaufgaben hat. Sie fühlt sich wohl in der Klasse, fühlt sich von ihren Kameraden und Kameradinnen angenommen. Sie hat jetzt echte Gesprächspartner, die ähnliches wie sie erlebt haben (Mobbing, Ignoriert-werden, Aussenseiter sein etc). Tochter kommt zufrieden heim und setzt sich gleich an die Hausaufgaben. Sie achtet sehr darauf, alles noch am selben Tag zu erledigen – das haben wir nämlich im letzten Jahr bereits geübt, denn so hält sich die Belastung dann doch noch in überschaubaren Grenzen. Daneben geht sie nach wie vor viermal die Woche ins Judo.

Die schlechte Nachricht: Mein Sohn hat das Schuljahr eher auf dem linken Fuss begonnen. Er hat eine neue Klassenlehrerin, ist jetzt in der Fünften und damit schon bei den Grossen im Schulhaus (die Grundschule geht bis zur sechsten Klasse). Ich bin eigentlich selber überrascht davon, wie unsensibel der Schuljahresanfang von Seiten der Lehrerinnen – in allen Fächern, da war die Klassenlehrerin sogar eher auf der lieben Seite – gehandhabt wurde. Man liess die Schülerinnen seitenweise Gedichte von der Wandtafel abschreiben, danach auch noch Fragen dazu, die sie als Hausaufgaben beantworten sollten. Schön und gut, aber mein Kind hat ADS und dadurch grosse Mühe mit Abschreiben. Wenn es dann noch so eine Menge ist, geht der Laden runter und die Verweigerung setzt ein. Mein Sohn kam sogar weinend nach Hause, weil er nicht mehr als höchstens eineinhalb Zeilen schaffte… DAS muss doch so nicht sein, oder? Ja, ich weiss, die Kinder sind schon gross, aber sie hatten gerade erst zwei Monate lang Ferien und alle damit verbundenen Freiheiten. Da könnte man doch wenigstens die erste Woche etwas milder gestalten, nicht?

Jedenfalls habe ich mit einigen Lehrerinnen bereits gesprochen, und eine Hiobsbotschaft erhalten: Das Erziehungsministerium hat offenbar alle Erleichterungen für Kinder mit Lernschwierigkeiten annulliert – mit Ausnahme derjenigen, die Sonderunterricht oder spezielle Förderstunden erhalten. Wie weiter? Das weiss keiner so richtig.

Ich hoffe, der Elternabend gebe etwas mehr Klarheit, denn eines weiss ich: Mein Sohn kommt ohne Erleichterungen im Lesen und Schreiben nicht durch, obwohl er sonst in allem locker mithalten kann. Ich werde berichten.

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2 Antworten zu Schule: Lust und Frust

  1. vered schreibt:

    Was du über deinen Sohn und seine Schwierigkeiten berichtest, gibt viel Stoff zum Nachdenken und Nachfragen. Dass das Erziehungsministerium Bedürfnisse der Kinder mehr und mehr den Zielvorstellungen des jetzigen Ministers opfert, ist nicht ganz neu, aber auf die Länge verheerend. Die Schule müsste doch jedem einzelnen helfen, sich seinen Gaben entsprechend zu entwickeln, seine Stärken zu fördern und mit seinen Schwächen zurechtzukommen. Das kann sie aber nicht, wenn sie zum Zulieferer von Menschenmaterial für die Hi-Tech-Industrie verkommt, wenn die Schüler nur noch auf Hochleistungen in Mathe und Englisch getrimmt und fast nur danach bewertet werden. Wie viele Begabungen werden so verschwendet, wie viele Kinder bekommen ein ganz falsches Bild von sich selbst und werden ihren Weg mit viel mehr Mühe finden – das Elend kommt einen an, wenn man sich das vor Augen hält. – Von den hehren Werten, die der besagte Minister der jungen Generation vermitteln will (wenigstens seinen Reden zufolge) wollen wir schweigen.
    Ich nehme an, auch die LehrerInnen seien diesem „Zeitgeist“ ausgesetzt, stehen unter Druck, sich diesen Forderungen anzupassen, ihre Qualität als Erzieher (!) werde nach den Notendurchschnitten ihrer Klassen eingestuft. Überdies leiden sie bestimmt auch unter den überfüllten Klassen, die ihnen das Eingehen auf die einzelnen Schüler erschweren.
    – Aber all das rechtfertigt die fehlende Sensibilität der neuen Lehrerinnen nicht. Nein, DAS muss nicht so sein! Die Frage ist: Warum ist es trotzdem so, und wo kann man ansetzen, um den misslichen Zustand wenigstens zu lindern?
    Die Lehrerinnen sind neu, sagst du. Wissen sie überhaupt, wer vor ihnen sitzt? Bekommen sie vielleicht für jeden Schüler ein vertrauliches Merkblatt, verfasst von der bisherigen Klassenlehrerin, das über deren Beobachtungen ( etwa: „guter Kamerad, gut in Mathe und Weitsprung, aber ADS, sehr vernünftige Mutter“) Auskunft gibt? So etwas würde bestimmt allen Beteiligten das Leben erleichtern und Missgriffe vermeiden helfen. – Du hast offensichtlich „einen guten Draht“ zu den Lehrkräften; das ist ein Glück. Auch die Elternabende können eine gute Sache sein. Kannst du bei solcher Gelegenheit auch mal einen Anstoss geben, eine Idee einbringen? Wie sind diese Abende organisiert, wie laufen sie ab? Ich warte gespannt auf deine Berichte, auch darüber, wie du dem Sohnemann hilfst. Ich wünsche dir dazu langen Mut und guten Erfolg und der ganzen Familie SHANA TOVA, und dass das Honigtöpfchen das ganze Jahr durch in Griffweite bleibe.

    • Anima Chutzpanit schreibt:

      Liebe Vered
      herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ja, leider liegt im Schulwesen so einiges im Argen… ich werde berichten. Nur soviel für jetzt: Die Englischlehrerin ist ein Riesenschatz. Sie hat meinen Sohn gleich richtig eingeschätzt, und aus meinen Erfahrungen mit ihr wird sie sich sehr für ihn einsetzen und ihn fordern und fördern.
      Ein süsses, gutes und gesegnetes neues Jahr auch dir und deinen Lieben!

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